Wer bin ich, wenn ich nichts mehr bin?
- Michelle

- 10. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Oder: Die leise Suche nach Identität zwischen Dankbarkeit und Erschöpfung

Ich sitze an meinem Laptop an einem Samstagabend.
Auf den Ohren läuft Millennial-Musik – sie erinnert mich an ein früheres Ich und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.
Der Rhythmus ist gut tanzbar, und ein Teil von mir möchte genau das: tanzen, rausgehen, unter Menschen sein, in Verbindung.
Und gleichzeitig gibt es diesen anderen Teil.
Der sich nach Ruhe sehnt.
Nach Raum.
Nach einem Dasein ohne Termine, ohne Verpflichtungen, ohne
„Ich müsste noch …“.
Die vergangene Woche hat mich oft innehalten lassen. Das neue Jahr hat begonnen – und anstatt leise und sanft hineinzufließen, war ich sofort wieder mittendrin:
in Rollen, Erwartungen, To-dos, in dem inneren Anspruch, überall genug zu sein.
Es ist nicht so, dass das neu wäre.
Aber ich nehme es zum ersten Mal wirklich bewusst wahr.
Vielleicht, weil ein großes Learning meines letzten Jahres genau das war:
das Sowohl-als-auch.
Ich darf glücklich und dankbar sein – und trotzdem erschöpft.
Ich darf ein gutes Leben führen – und trotzdem müde davon sein.

Diese Räume dazwischen, diese scheinbaren Widersprüche, waren lange etwas, das ich weggedrückt habe.
Heute lasse ich sie da sein.
Und genau das ermöglicht mir überhaupt erst, mein Leben ehrlich zu betrachten und zu spüren:
Ich balanciere gerade auf einem schmalen Seil.
Es braucht Achtsamkeit.
Es braucht Wahrnehmung.
Es braucht Ehrlichkeit.
Und vielleicht magst du dich einen Moment mit mir fragen:
Wer bist du – jenseits von dem, was du tust?
Welche Rollen lebst du jeden Tag?
In erster Linie bist du du, natürlich.
Und gleichzeitig bist du vielleicht Angestellte oder Chef, Tochter oder Sohn, Mutter oder Vater, Freundin, Partner, Raumhalter, Künstler*in, Organisator*in, Bindungsperson – und vermutlich noch so vieles mehr.
Jede dieser Identitäten trägt ihre eigenen Erwartungen.
Ihre eigenen Anforderungen.
Ihre eigenen Verpflichtungen.
Wenn wir wirklich sehen würden, wie viel wir jeden Tag halten, wären wir vermutlich viel liebevoller mit uns selbst.
Doch Selbstmitgefühl ist etwas, das wir kaum gelernt haben.
Warum eigentlich?
Warum ist das kein Schulfach?
Stattdessen lernen wir früh, den Blick nach außen zu richten:
Was denken die anderen?
Was erwarten sie?
Was ist „richtig“?
Ich kenne diese Sätze nur zu gut:
„Reiß dich zusammen.“
„Stell dich nicht so an.“
„Sei nicht so sensibel.“
Doch was, wenn genau das ein Teil des Problems ist?
Warum ist das Gefühl der anderen wichtiger als mein eigenes?
Warum lernen Kinder nicht, dass ihr Empfinden zählt – dass es existenziell ist?

Stattdessen lernen wir, uns zusammenzureißen, uns anzupassen, Harmonie zu sichern, unsere Wahrheit zurückzuhalten.
Was entsteht daraus?
So entsteht eine Gesellschaft voller Masken.
Voller Rollen.
Voller Menschen, die funktionieren, leisten, durchhalten – und dabei immer mehr vergessen, wer sie eigentlich sind jenseits von Kind, Mutter, Vater, Angestellte, Chef, Coach, Ehepartner.
Und irgendwann beginnt der Körper, sich zu melden.
Mit Müdigkeit.
Mit Schlafstörungen.
Mit innerer Unruhe.
Mit Gedanken, die nicht mehr zur Ruhe kommen.
Doch wir hören nicht hin.
Wir müssen ja funktionieren.
Erwartungen erfüllen.
Unsere Rollen bedienen.
Also wird der Körper lauter. Und lauter.
Bis sich etwas zeigt, das man nicht mehr ignorieren kann.
Oft laufen wir von Arzt zu Arzt – auf der Suche nach einer Diagnose, einer Erklärung, einer äußeren Instanz, der wir die Verantwortung übergeben können.
Wie wäre es, wenn wir früher hinschauen würden?
Wenn wir anfangen würden, Verantwortung zu übernehmen für unser Nervensystem, unser Wohlbefinden, unsere Balance?
Nicht aus Schuld.
Sondern aus Selbstachtung.
Vielleicht ist genau das die leise Einladung, die in all dem steckt.
Nicht nur zu fragen,
„Wie funktioniere ich besser?“
sondern:
„Wer bin ich, wenn ich aufhöre, mich über meine Rollen zu definieren?“
Wer bin ich, wenn ich nicht Tochter oder Sohn bin, nicht Partner oder Partnerin, nicht Angestellte, Selbstständige oder Führungskraft, nicht die Person, die stark ist oder die alles zusammenhält?
Wer bin ich, wenn ich einfach nur da bin?
Vielleicht beginnt genau hier etwas sehr Wesentliches: nicht ein neues Ziel, nicht ein neues Projekt, sondern ein stilleres Interesse an dir selbst.
Vielleicht darfst du dich fragen:
Was fühlt sich für mich lebendig an?
Was brauche ich wirklich – jenseits von Erwartungen?
Wo in meinem Leben bin ich ganz bei mir?
Du musst darauf keine fertigen Antworten haben.
Manchmal ist es genug, sich diese Fragen überhaupt zu erlauben.
Und wenn du gerade spürst: „So geht es mir“, dann ist das kein Problem, das gelöst werden muss.
Das ist ein Moment von Ehrlichkeit – und vielleicht der Anfang einer liebevolleren Beziehung zu dir selbst.

Wenn du dich in diesen Zeilen ein Stück wiedergefunden hast, wenn etwas in dir leise genickt hat oder vielleicht ein bisschen weicher geworden ist, dann darfst du wissen:
Du musst da nicht alleine durchgehen.
Auf Sonnenkompass öffne ich genau für solche inneren Übergänge einen Raum – einen Ort, an dem all diese Fragen, Gefühle und das Suchen nach dir selbst sein dürfen, ohne Druck und ohne dass du funktionieren musst.
Wenn du dir Begleitung wünschst, wenn du dir selbst gerade näherkommen möchtest oder dir einen liebevollen Spiegel auf deinem Weg wünscht, dann bist du hier genau richtig.
Von Herzen,
Michelle



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